In den letzten neun Monaten habe ich intensiv mit Obsidian gearbeitet und all meine Aufzeichnungen endlich zentralisiert.
Daten, Informationen, Wissen
Vor Ewigkeiten habe ich in meiner Studienzeit über Strategien im Wissensmanagement geschrieben und der Kern ist heute immer noch genauso aktuell wie ehedem. Daten sind keine Informationen. Informationen sind kein Wissen. Es bedarf der Einbindung in einen Kontext und der richtigen Vernetzung, damit Daten schlußendlich in Wissen und Handeln überführt werden können.

Im Alltag sammle ich enorm viele Daten (zum Beispiel, wie viel Strom mein Balkonkraftwerk produziert). Diese müssen eingebunden werden in einen Kontext, sonst sind sie wertlos. Konkret: Im Winter sind 1kWh Stromproduktion am Tag möglicherweise sehr gut, im Mittsommer eher nicht. Daraus kann durch Vernetzung echtes Wissen entstehen: Es war ein wolkiger Regentag. Der Stecker hat nicht gesteckt. Durch Dreck war ein Panel verschattet und konnte trotz Sonnenschein nicht arbeiten.
Diverse Informationen, Aufgaben, Recherchen oder hilfreiche Artikel muss mein Kopf erinnern, wenn ich hilfreiche Vernetzungen machen möchte. Das geht im Kopf, viele Menschen nutzen aber gerne auch eine Art "Second Brain" auf Computer und Smartphone.
Obsidian als Second Brain
Für kaum eine Aufgabe gibt es so viele Anwendungen, wie zur Erstellung von Notizen. Man kann Word, Apple Notes, vi(m), Evernote, OneNote und was nicht alles nutzen. Am Ende ist es aber immer wichtig, dass die eigenen Notizen nicht eingesperrt werden und bei Abkündigung einer Anwendung dann irgendwann nicht mehr gelesen werden können.
Aus diesem Grund bevorzuge ich Lösungen, die Informatioen als prinzpiell lesbare Dateien schreiben. Obsidian ist eine Notiz-App, die im Kern eine Sammlung lokaler Markdown-Dateien bündelt und einen Editor dafür bereitstellt. Dann kommen die Steroide. Mit vielen Erweiterungen kann man dann das Wissen miteinander noch besser vernetzen, auswerten und zugreifbar machen. Der entscheidende Punkt jedoch ist, dass die Dateien simpel aufgebaut und lesbar sind. Sie werden nicht endlos groß, sondern durch Verlinkung werden Gedanken und Dokumente miteinander vernetzt, so dass echte Mehrwerte entstehen.
Wie bilde ich meine Informationen effektiv ab?
Es gibt vor allem zwei große Strömungen, wenn man im Jahr 2026 versucht, sein Wissen digital verwertbar zu machen und zu organisieren.
Zettelkasten
Niklas Luhmann erfand seinerzeit den Zettelkasten, ein geniales System, um Informationen aufzunehmen und abzulegen. Es ist quasi eine Wissenschaft für sich, daher habe ich obwohl ich Luhmanns Arbeit sonst sehr schätze, nicht daran getraut. Mein Hirn arbeitet dann doch etwas simpler.
PARA
Tiago Forte und sein PARA-System sind mir deutlich leichter zugänglich gewesen. Dabei handelt es sich um ein Akronym:
- Projects: Woran man aktiv arbeitet
- Areas: Bereiche und Verantwortlichkeiten
- Resourcen: Themen, die in Zukunft interessant sein könnten
- Archives: Fertiggestellte oder inaktive Dinge aus den anderen Kategorien
Mein Ablagesystem
Ich nutze einen Obsidian vault (so heißt die Sammlung aller Dokumente) namens lifevault. Mit einem Hauch Dewey-Dezimal sieht mein System der Ablage so aus:
(base) stephan@Murphy lifevault % tree -d -L 2
.
└── lifevault
├── _archive
├── _mediafiles
├── _system
├── 00-inbox
├── 10-dashboards
├── 20-people
├── 30-projects
├── 40-areas
├── 50-resources
├── 60-playbooks
├── 99-daily
└── Clippings
14 directoriesMit einem underscore (_) benenne ich die Ordner, die ich ganz oben sehen möchte. Dann nutze ich Ziffernfolgen für die Anordnung der folgenden Ordner. In diesen Ordnern leben dann meine Aufzeichnungen.
_archiveist "zu gut zum Wegwerfen" und dort kommt alles hin, was irgendwie veraltet ist-
mediafilesist für Dateien, die nicht markdown sind, also.pdf,.jpgund dergleichen _systemhält meine Vorlagen und opencode (dazu in einem späteren Beitrag mehr)- Es folgen die Ordner für alles, was noch sortiert werden muss (
00-inbox), Übersichten, die andere Informationen automatisch zusammenfassen (10-dashboards), Menschen (20-peopleumfasst wen ich kenne, Kontaktdaten und ggf. weitere Notizen), Projekte, Bereiche, Resourcen sowie Playbooks, wie ich bestimmte Aufgaben angehe (Schritte, Abfolgen, fast schon Algorithmen) und die täglichen Notizen die irgendwie alles zusammenhalten. Clippingssind die Dinge, die aus der Webextension direkt in Obsidian kommen, irgendwann richte ich das so ein, dass sie in der Inbox landen. One Day.
Daily Notes
Etwas gefremdelt habe ich zu Beginn mit den Daily Notes, weil ich mir auch nicht vorstellen konnte, was ich denn täglich schreiben würde. Wichtigste Erkenntnis:
Damit verschwindet schon das schlechte Gewissen und manche Daily Notes haben einfach nur "bin wach gewesen". That's it. Die meisten haben mehr und beinhalten, was für Todos an dem Tag aufgetaucht sind (die werden dann automatisch in einer Gesamtübersicht in den Dashboards angezeigt, dann finde ich sie zentral zum Abhaken über die Zeit), welche Menschen ich getroffen habe (hier verlinke ich den Eintrag zu den Menschen) und welche (beruflichen) Meetings ich hatte. Auch verlinkt, diese hausen im Pfad 40-areas/work/meeting-notes. Zusätzlich tracke ich, wann und wie oft ich welchen Sport gemacht habe (ein simples #tag an dem Tag und gut ist).

Mit einfachsten Bordmitteln kommt dann ein Chart dabei heraus, was Krankheit und Urlaub (oder Faulheit bei den Daily Notes) schonungslos offenbart. Klappt natürlich auch für alle anderen Themen von chronischen Krankheiten bis zu Konsum von Alkohol oder generellem Habit Tracking.
Inzwischen ist das System so erweitert, dass ich sogar das Outfit of the Day erfasse und die Kombinationen an Kleidung und auch die generelle Verwendung (wie oft habe ich eigentlich die blaue Jeans getragen) erfassen kann. Ein wenig merkt man mir meine Quantified-Self-Vergangenheit leider immer noch an.
Warum Obsidian so zentral ist
Wenn jetzt alle Informationen an einem Ort sind, ergeben sich daraus immense Möglichkeiten. Zunächst ist wichtig, dass alle diese Informationen lokal bei mir und nicht bei Microsoft oder einem anderen Dienstleister sind. Ich habe die komplette Datenhoheit und kann daher auch kritische Daten abspeichern ohne Nachts schlecht zu schlafen.
Mit diesen Daten und den Möglichkeiten bin ich persönlich schnell überfordert und kann nur langsam Synergien heben. Was allerdings hervorragend funktioniert, ist der Einsatz von KI-Agenten auf Basis dieser Markdown-Dateien. Es handelt um exakt denselben Treibstoff, den LLMs für ihre Arbeit brauchen und da alles lokal vorhanden ist, lasse ich natürlich auch eine rein lokale KI damit arbeiten. Mehr dazu im nächsten Teil.
Kommentare