Daten zum Tag der Deutschen Einheit

Daten zum Tag der Deutschen Einheit

Vor 37 Jahren begann die Wiedervereinigung Deutschlands, doch bis heute zeigen sich strukturelle Unterschiede zwischen Ost und West. Zumindest wird dies regelmäßig in den Medien berichtet. Als Bewohner des Ruhrgebiets klingen viele der Themen, die spezifisch für die Ost-Bundesländer sein sollen nur zu wohlbekannt. Also habe ich mich mal mit den eigentlichen Daten auseinandergesetzt und ein gutes Dutzend Indikatoren betrachtet, ob Ost und West wirklich so unterschiedlich sind. Die Antwort ist: Ja und nein. Betrachten wir die Ergebnisse mal etwas genauer.

Die klaren Unterschiede

Es gibt sie wirklich, die Ost-West-Linie. Am deutlichsten zeigt sie sich dort, wo man sie am wenigsten erwartet hätte: in der Altersstruktur. Der Anteil der Unter-35-Jährigen ist der stärkste aller Unterschiede, die man quer über alle 400 Landkreise und kreisfreien Städte beobachten kann. Abseits der Städte ist der Graben extrem: Die ostdeutschen Landkreise liegen fast durchgehend am unteren Ende, die westdeutschen fast durchgehend darüber.

Dazu kommt die Wirtschaftskraft. Das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner liegt im Median der ostdeutschen Kreise bei rund 34.300 €, im Westen bei 43.550 €; bevölkerungsgewichtet sind es 41.470 € gegenüber 52.570 €. Fast 88 % der Westdeutschen leben in Kreisen, die über dem Ost-Median liegen. An dieser Lücke hat sich auch nach 2015 wenig bewegt.

Dasselbe Bild bei der Gewerbesteuerkraft je Einwohner: klar niedriger im Osten. Und mit der Frauenerwerbsarbeit verhält es sich umgekehrt – der Osten ist hier messbar weiter vorn als der Westen. Das ist die robusteste soziale Linie, die die Daten zeigen: Sowohl in den Städten als auch auf dem Land ist der Anteil der Frauen im Erwerbsleben im Osten höher.

Bei der Arbeitslosigkeit schließlich sieht es differenzierter aus: Auf dem Land ist der Unterschied unübersehbar (ostdeutsche Landkreise liegen klar darüber), aber unter den Großstädten ist der Ost-West-Unterschied statistisch kaum noch vorhanden. Landkreise im Osten tragen das Problem, nicht die Städte.

Bemerkenswert ist übrigens, dass der Osten kein homogener Block ist: Beim Unter-35-Anteil wohnen rund 60 % der Ostdeutschen in Kreisen des untersten Fünftels – aber gleichzeitig ein Drittel in Kreisen des obersten Fünftels. Berlin, Leipzig, Dresden, Jena sind jung. Der „Osten“ ist gespalten in Boomstädte und entleerte Regionen – fast so sehr wie das Land insgesamt in Stadt und Land.

Stadt vs Land statt Ost vs West

Der anhaltendste Befund der Auswertung: In 10 von 16 Indikatoren trennt die Linie Stadt/Land die Kreise stärker als die Linie Ost/West. Bevölkerungsdichte, Urbanisierung, Median-Gemeindegröße, Industrie- und Dienstleistungsanteil, Ärztedichte – all das sind primär Stadt-Land-Unterschiede, die nur mit dem Ost-West-Anteil an ländlichen Regionen mittelbar zusammenhängen.

Das Paradebeispiel ist die Sozialhilfequote. Als Bewohner des Ruhrgebiets war ich misstrauisch, ob der Ost-West-Vergleich hier fair ist – bevölkerungsreiche Problemstädte in NRW stehen dünn besiedelten Ostkreisen gegenüber. Der Datencheck bestätigt das Misstrauen: Bevölkerungsgewichtet liegt NRW mit 11,0 % sogar über dem Ost-Schnitt von 9,4 %. Und der eigentliche Treiber ist die Stadt-Land-Linie: In den kreisfreien Städten liegt der Median bundesweit bei über 10 % (West-Städte 11,1 %, Ost-Städte 10,8 % – praktisch identisch), während Landkreise bei 5–7 % liegen. Wer im Osten von Sozialhilfe spricht, spricht in Wahrheit über Großstadtarmut.

Dasselbe gilt für die ärztliche Versorgung: Zwischen Ost und West besteht praktisch kein Unterschied mehr. Die mediane Ärztedichte der Landkreise liegt bei 143 bzw. 144 Ärzten je 100.000 Einwohner – gleichauf. Der Ärztemangel, über den berichtet wird, ist ein ländlicher, kein ostdeutscher. Nur eben mit mehr Land im Osten.

Auch die Eigenheimquote fällt in diese Kategorie, wenn auch doppelt: Sie trennt Stadt und Land massiv (Städte um 20–32 %, Landkreise um 50–58 %), und innerhalb der Städte liegen die ostdeutschen zusätzlich und deutlich zurück. Wer im Ruhrgebiet wohnt, kennt auch das.

Kurz: Vieles, was als „Ost-Thema“ daherkommt, ist ein Stadt-Thema – oder ein Stadt-Land-Thema –, das ausgeprägter scheint, weil der Osten ländlicher geprägt ist. Rechnet man das heraus, bleiben als echte Ost-West-Muster die Wirtschaftskraft, die Gewerbesteuer, die Frauenerwerbsarbeit, die Alterung auf dem Land und die Landarbeitslosigkeit. Alles andere ist Geografie.

Fazit

37 Jahre nach der Wiedervereinigung ist der Osten weder der homogene Problemfall des Feuilletons noch einfach nur ein „anderer Süden“. Die Daten zeigen zwei Deutschland gleichzeitig: ein Ost-West-Deutschland mit realen, hartnäckigen Unterschieden bei Wirtschaftskraft, Steuern und Frauenerwerbsarbeit – und ein Stadt-Land-Deutschland, das durch alle Länder und mitten durch den Westen läuft.

Und die beiden mischen sich, deshalb klingen „Ost-Themen“ im Ruhrgebiet so vertraut: Die Themen, die wir hier finden (hohe Sozialhilfequote, städtische Arbeitslosigkeit), sind in Wahrheit Großstadt-Themen. Ost- und westdeutsche Städte unterscheiden sich hier kaum, NRW liegt sogar über dem Ost-Schnitt. Was dagegen wirklich spezifisch ostdeutsch ist: die Abwanderung der Jungen, die Arbeitslosigkeit auf dem Land. Das gibt es im Ruhrgebiet nicht. Die Medien legen beides unter dem Label „Ost“ ab; das Ruhrgebiet spiegelt nur die städtische Hälfte davon zurück.

Ob wir jemals ein wirklich geeintes Deutschland erleben, wo sich nicht irgendwelche Bereiche durch Indikatoren voneinander abgrenzen, ist unsicher. Sicher ist, dass Deutschland vielfältig bleibt. In den Problemen wie in den Chancen. Happy Tag der Deutschen Einheit!

Disclaimer zu Datenquellen und Methodik

Mit Mistral habe ich eigentlich nur eine interaktive Karte generieren wollen, um selbst einen visuellen Überblick zu gewinnen, doch dann ist es eskaliert. Ich habe Mistral gebeten, mir eine statistische Auswertung vorzunehmen.

Die Auswertung basiert auf allen 400 Landkreisen und kreisfreien Städten (Ost inkl. Berlin: 76 Kreise, 16,2 Mio. Einwohner; West: 324 Kreise, 67,5 Mio.) und 16 Indikatoren von Bevölkerungsdichte über Wirtschaftskraft und Sozialleistungen bis zur Ärztedichte.

Methodisch wurden je Indikator Rangvergleiche zwischen den Gruppen gerechnet (Mann-Whitney-U-Tests, die keine Annahmen über Verteilungsformen treffen) und die Ergebnisse als Effektstärken statt als Signifikanzen gelesen – bei 400 Kreisen wird fast jede Differenz „signifikant“, aussagekräftig ist, wie groß sie ist. Weil einfache Mittelwerte durch bevölkerungsreiche Kreise dominiert werden, wurden zusätzlich bevölkerungsgewichtete Werte und getrennte Analysen für kreisfreie Städte und Landkreise gerechnet; so lassen sich Stadt-Land-Effekte nicht als Ost-West-Effekte verkaufen – und umgekehrt.

Was die Daten nicht können: Von Kreisen auf Einzelpersonen schließen (ökologischer Fehlschluss). Und die Datenstände sind gemischt (meist 2022–2024, Ärztedichte 2018). Details lassen sich in der interaktiven Karte je Indikator nachprüfen.

Datenquellen: BBSR Deutschlandatlas 2024, Genesis/Regionalstatistik (Beschäftigten- und Bevölkerungsstatistik, Schulstatistik 2023/24, Realsteuervergleich 2023), Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder (BIP 2023), Bundesarztregister/KBV-Versorgungsatlas (Ärztedichte, 31.12.2018), Kreisgrenzen: Bundesamt für Kartographie und Geodäsie.

Die interaktive Karte mit allen 16 Indikatoren und den jeweiligen Quellen je Ansicht: Deutschland im Überblick

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