Fakenews und Medienkompetenz

Stephan Hochhaus · December 14, 2021

Die Urban Legend der Familie im Supermarkt, die eigentlich in Quarantäne sein sollte wurde mir inzwischen in mindestens einem Dutzend verschiedener Variationen berichtet, immer über eine Bekannte deren Schwester von der die Omma hatte einen Nachbarn der das wirklich erlebt hat. Na klar.

Ein Artikel im Satiremagazin Der Postillion mit einem Hauch Photoshop und schon gehen die Boomer mit gefährlicher Halbkompetenz im medialen Raum steil. Das originale Bild der Vereidigung des neuen Landwirtschaftsministers kennt von ihnen vermutlich kaum jemand.

Es scheint, dass die für die Medienkompetenz der jüngeren Generationen zuständige Eltern- und Großelternfaktion selbst gar nicht mal so gut im Umgang mit Fakenews und der Einordnung von glaubhaften Quellen und Querdenker-Geschwurbel ist. Quellenkritik, Textanalysen, ja selbst simpelste Plausibilitätschecks versagen bei vielen im Kopf, wenn sie mit einer digitalen Headline konfrontiert werden. Bei #5 habe ich geweint.

Woran es genau liegt, dass die vermeintlich einfache Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge so kompliziert ist, kann ich auch nicht sagen. Oder wie es im 25. Scheibenwelt-Roman “Die volle Wahrheit” so schön heißt:

Eine Lüge ist bereits um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.

Sind Bildungsbürger anwesend? Klar, das Zitat ist von Terry Pratchett genutzt worden, stammt aber urspünglich von Mark Twain. Oder Jonathan Swift? Oder Winston Churchill? Bei Zitaten ist der Urheber oft schwer auszumachen.

Use the force, Harry. Gandalf

Wer sich für fit hält, zwischen seriösen und Fakenews zu unterscheiden, wird im Newstest sicher gut abschneiden. Für Mama und Papa vielleicht was in der Familien-Whats-App-Gruppe, wenn sie das nächste Mal einen Bericht teilen, dass Helene Fischer wegen Corona jetzt Bundesbildungsministerin für das Saarland wird.

Dummerweise erfordert gut Medienkompetenz eine gesunde Portion Selbstzweifel und Neugierde, um Hintergründe (manchmal ist die Wahrheit nur eine Google-Suche entfernt) aufzuklären. Reflektiertes Teilen macht nur deutlich weniger Spaß, weil man sich mehr als wenige Sekunden Aufregung nehmen muss. Überhaupt, diese ganze Aufgeregtheitsökonomie ist der Brennstoff, auf dem Fakenews erst gedeihen. Womöglich sollten wir uns alle mal etwas weniger darüber freuen, wenn wir uns aufregen können. Das gilt bei Fakenews ebenso wie bei dem Falschparker nebenan oder der Politikerin im Fernsehen, die sich gerade versprochen hat.

Just chill. And do your research before posting!

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